Don’t call it Fjord: Ein Wochenende an der Schlei 2/3

Als wir um sechs Uhr wach werden, überlegen wir kurz, an die Türen der Brandenburger Wohnmobile zu klopfen, um eine Sonderparkgebühr in Höhe von 20 Euro je Fahrzeug für Überschreiten der Höchstparkdauer einzufordern. Noch dazu steht neben der Zufahrt ein Schild, auf dem laut und deutlich „Keine Wohnmobile!“ geschrieben steht. In der Freude darüber, dass wir im Bus und nicht in einem Wohnmobil unterwegs sind, überlegen wir es uns jedoch anders und rollen mit dem wohligen Gefühl wohlfeiler Legalität im Bauch von dannen.

Die Gnade des frühen Aufstehens erlaubt es uns, den Tag maximal entspannt anzugehen und erst einmal nach einem Morgendämmerungs-Kaffee-Spot in der Nähe Ausschau zu halten. Früh aus dem Schlafsack zu kommen, bereichert einen Bullitrip, wie ich finde, enorm. Nichts gegen Strandparties und bis mittags noch ein wenig im eigenen Saft simmern – alles so wie’s passt. Aber auf der Straße sein, bevor alle anderen unterwegs sind und die Chance nutzen, den Morgenvibe von Orten einzufangen, an denen noch nicht das große touristische Tagestreiben ausgebrochen ist, hat eine einzigartige Qualität. Unseren Kaffee-Spot in Olpenitzdorf müssen wir und nur mit zwei freundlichen Anglern aus Kassel teilen, die außer einem schnellen „Moin-Tach-Moin“-Wechsel nichts von uns wollen. Auf der Wendefläche neben dem Bootslip am östlichen Ende der Olpenitzer Dorfstraße feuern wir also den Gasherd an und machen der Bialetti Stovetop ordentlich Dampf. Ein Satz wie aus einem frühen Stuckrad-Barre, aber der Kaffee ist Bombe.

Rechts von uns verschandelt die Baustelle des neuen Ostseeressorts Olpenitz die Sicht, also lenken wir unseren Blick auf den Bootssteg vor uns und den Leuchtturm Schleimünde im Nordosten am Nordufer der Wasserstraße, die die Schlei mit der Ostsee verbindet. Das Wasser ist spiegelglatt, die noch tief stehende Sonne bahnt sich ihren Weg durch ein paar wenig widerborstige Cirrucumulus-Wölkchen. Der Spot ist wahnsinnig schön und friedlich, und so sehen wir den Fischern zu, die als Vorhut der langsam erwachenden Siedlung ihre Angeln auswerfen und planen grob den vor uns liegenden Tag.

Wir wollen am Nordufer der Schlei in Richtung Westen fahren. Heißt, es geht in Kappeln wieder über die Doppelklappbrücke, dann nach links auf die B201 und auf der Dorfstraße wieder Richtung Süden nach Grödersby, um möglichst viel Wasser, Land und Leute mitzunehmen. Unser Plan für den Tag: Stand Up Paddeln auf dem Lindauer Noor, einer Schleibucht zwischen Lindaunis im Nordosten und dem Schneiderhaken im Südwesten. Die Umrundung der Bucht auf Board oder in Boot soll mit ungefähr sieben Kilometern auf der Paddeltastic-App zu Buche schlagen.

Der online gefundene Tipp zum Einstieg ins Paddelvergnügen am Parkplatz Mühlenholz/ Schleistraße wird uns, wie wir kurze Zeit später feststellen dürfen, leider verwehrt. Die Parkplatz-Einfahrt am einzigen Sandstrand des Noores ist mit einer 2-Meter-Größenbeschränkungsschranke versehen. Will heißen, da steht ein Tor aus Stahlstreben, das wild und willens ist, dem 2,80 Meter hohen Fridolin bei Einfahrt die obere Koje abzurasieren. Die Unart solche Bullifallen aufzustellen greift immer mehr um sich, und ich habe immer noch nicht verstanden, was das soll. Sind Menschen in flacheren Autos bessere Menschen?

Nach kurzem Kartencheck finden wir einen weiteren Wasserzugang auf dem Schneiderhaken. Da startet die SUP-Tour nicht auf dem Noor, sondern direkt auf der Schlei mit Panoramablick auf die historische Eisenbahn-Schleibrücke-Lindaunis, aber das ficht uns nicht weiter an. Am Sandstrand Schneiderhaken angekommen sehen wir uns mit einem neuen Einfahrtsbeschränkungstiefschlag konfrontiert. Die Latte fürs Auto-Limbo an der Parkplatzeinfahrt liegt auf 1,60. Da scheitert sogar ein Tiguan. Glücklicherweise ist außer Feld, Wald und Wiesen weit und breit nichts, so dass wir uns wie einige andere Bulli-Enthusiasten einen feinen Platz an der Uferböschung oberhalb des offiziellen Parkplatzes sichern. Der Strand auf der Schlei-Halbinsel ist ein Traum, und – da wir immer noch früh unterwegs sind – bis auf zwei Senioren und zwei Kanuten, die gerade mit Faltboot-Origami beschäftigt sind, angenehm leer.

Wir erstellen Proviant aus Brötchen und Mettwurst der Bäckerei Carstensen in Arnis und fahrtaugliche Stand-Up-Paddle-Boards aus Muskelschmalz des Autoren und machen uns auf den Weg. Ja, das Wasser ist brackig. Dafür ist es bereits deutlich wärmer als die Ostsee. Wir kämpfen uns einige Meter gegen den auffrischenden Ostwind voran und werden ganz nebenbei Zeugen einer der beiden täglichen Öffnungen der Schleibrücke Lindaunis – ein spektakuläres Schaupiel – bevor wir nach links ins Lindauer Noor abbiegen. Kein Wind, keine Wellen, es ist super warm, und nach wie vor ist außer uns so gut wie niemand auf dem Wasser. Wir ziehen durch, fahren unter der Schleistraße hindurch auch in den nördlichen Teil des Noors, machen auf dem Rückweg kurz halt am Sandstrand Mühlenholz, verzehren die famosen Carstensenschen Backwaren und paddeln in großem Bogen vorbei an der Schlei-Marina Lindauhof zurück zum Ausgangspunkt.

Ausgepowert und brackig wie wir sind, kreisen unsere Gedanken jetzt nur noch um Pommes und Duschen. In dieser Reihenfolge. Der Feldweg am Strandparkplatz füllt sich zusehends. Um unseren Gelüsten nachzugehen, fahren wir zurück nach Arnis. Bereits am frühen Morgen haben wir hier Halt gemacht. Die kleine Stadt liegt auf einer, inzwischen mit dem Festland verbundenen, Insel, die vormals ein Rastplatz für Wikinger war, die noch ein wenig chillen wollten, bevor sie unter viel Tamtam und Met am Steuer in Haithabu einliefen. Arnis ist – und ich übertreibe nicht – einer der schönsten, zivilisierten Flecken Erde, die mir bislang untergekommen sind. Zumindest vor 9 Uhr früh. Weiß verputzte Fischerkaten und regionaltypische Rotziegelhäuser säumen die beiden Straßen der kleinsten Stadt Deutschlands. Eine Werft, diverse Segelmacher und Bootsbauer halten das maritime Handwerk, das Erik, Leif und Olaf einst beim Stoppover her brachten, am Leben.

Neben der Bäckerei Carstensen, die fantastischen Mohnkuchen, exorbitanten Butterkuchen, deliziösen Apfel-Kirsch-Streuselkuchen und absurd schmackhafte Schoko-Croissants backt, gibt es diverse weitere Restaurationen. Unsere Pommes haben wir in der Strandhalle bekommen. Mit Wasabi-Majo, Chipotle-Soße, Ketchup, zauberhaftem Personal und angenehmen Gästen. Das alles direkt an der Wasserkante. Viel mehr geht nicht. Denken wir zumindest.

Mit unserer Pommes-Orgie haben wir vor allem die Zeit überbrückt, in der der Hafenmeister der Wassersportgemeinschaft Arnis Grödersby nicht im Büro ist. Punkt 17 Uhr sind wir mit vollen Mägen und noch viel mehr Bock auf eine Dusche wieder zurück auf dem Vereinsgelände am Ortseingang. Der Hafenmeister ist unfassbar herzlich, seine guten Vibes übertragen sich offenbar auf alle, die auf der Anlage unterwegs sind. Wir bekommen einen von zwölf Stellplätzen, so viele warme Duschen, wie wir wollen, zwei Leihfahrräder und einen unfassbar schönen Abend im Hafen für 20 Euro. Zu den Fahrrädern und unserem nächsten und leider letzten Tag an der Schlei gibt’s bald mehr.

Sollte es euch irgendwann einmal (hoffentlich) nach Arnis verschlagen, geht in die gerade frisch renovierte Schifferkirche oberhalb der Strandhalle und nehmt euch Zeit, sie zu atmen und zu betrachten. Selten zuvor habe ich ein so atemverschlagendes maritimes Gotteshaus besichtigt. Kirche und Stadt wurden im Geist der Freiheit erbaut. Von Kappelner Fischern und Schiffern, die sich 1667 dem herrschenden Gutsherrn nicht unterwerfen wollten. Ihr Geist lebt fort. So lange, wie romantische Trottel ihn weiter tragen.

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