Sylt: Eine Insel für alle (1/3)

Wenn ich im Bekanntenkreis von Sylt schwärme, bekomme ich oft zu hören, dass „das ganze Schickimicki nichts für uns ist“ und „das ja nur eine Insel für Reiche sei“. Offenbar haben Mythen und Presseberichte dem nordfriesischen Eiland einen Bärendienst erwiesen. Selbstverständlich kann man lang und ausgiebig und mit mehr oder weniger Sachverstand über Sinn und Unsinn von astronomischen Immobilienpreisen und dekadenten Strandpartys zwischen Hörnum und List diskutieren. Man kann sich wunderbar darüber aufregen, dass in der Sansibar auch in Krisenszeiten mittags um 12 Uhr die ein oder andere Nebukdadnezar aus der Champagne sabliert wird. Und man kann sich mit all dem Gehörten und Gesehenen aus zweiter und dritter Hand abfinden und niemals seinen Fuß auf Deutschlands nördlichste Insel setzen. Letzteres wäre ein Fehler.

Als Eva-Lotte und ich unsere diesjährige Skandinavientour mit Fridolin geplant haben, stand eines von Anfang an fest: Auf dem Weg zum Norgeskaien in Hirtshals würden wir für mindestens eine Nacht auf Sylt Halt machen. Die Gründe hierfür sind ebenso einfach wie schampusfrei:

  1. Dänemark galt und gilt für die norwegischen Behörden als Corona-Risikogebiet. Eine Übernachtung nördlich der deutsch dänischen Grenze hätte unsere Einreise via Kristiansand und die folgenden Tage also deutlich erschwert.
  2. Niemand will auf dem Burger-King-Parkplatz am Kreisel in Jagel pennen.
  3. Sylt ist einer der schönsten Flecken Land auf diesem Planeten.

Während die eingangs kurz skizzierten Klischees über die gesamte Breite der restdeutschen Bevölkerung hinweg erfolgreich kolportiert wurden, scheint einige Tatsachen – oder zumindest einige von mir und Lotti gefühlte Wahrheiten – indes gänzlich unbekannt zu sein:

  1. Skandinavischer als auf Sylt wird’s in Deutschland nicht.
  2. Mehr Kilometer Sandstrand mit echter Dünung am Stück (nicht nur Windwellen) findet man nirgendwo sonst.
  3. Nördlich der Buhne 16 hat man den Strand für sich allein.
  4. Jede Gemeinde auf Sylt inklusive Kampen verhält sich entspannter und wohlwollender gegenüber freistehenden Campern, die die Natur achten, ihren Müll mitnehmen und nach Sonnenuntergang die Musik leiser stellen, als der x-beliebige Marktflecken an der Ostsee, der dir jetzt gerade in den Sinn kommt.
  5. Die Insulaner sind äußerst bemüht, das, was Sylt ursprünglich ausmachte am Leben zu halten. Nackt baden, schlecht surfen, Sundowner am Strand, im Bulli pennen: maximal appreciated.
  6. Eine Naturlandschaft wie die zwischen Kampen und dem Leuchtturm List-Ost ist einmalig.
  7. Ich muss vor Glück weinen, während ich das schreibe, und plane sofort den nächsten Trip.

Am Morgen des 4. August 2021 sind wir folglich vom kleinen Haus hinterm Deich in Hamburg aufgebrochen, um gegen 15 Uhr in Niebüll mit Frido auf den Autozug zu fahren. Unser geplanter Aufenthalt auf Sylt hatte sich mittlerweile auf eine Nacht reduziert, da ich etwas mehr arbeiten musste, als geplant, und wir so nicht früher aufbrechen konnten. Das Etappenziel: Die komplette Reisegruppe (Eva-Lotte, Henry und ich – Frido ausgenommen) springt bei strahlendem Sonnenschein ins Wasser bevor wir uns einen Stellplatz suchen und den Tag mit Pasta und Nachtspaziergang ausklingen lassen. Unser Timing war brutal gut. Wir sind als letztes Auto auf den blauen Zug durchgerauscht und direkt losgefahren, haben während der Überfahrt Bulli-Quartett gespielt und Veggie-Frikadellen gegessen und sind planmäßig in Westerland angekommen. Da fiel Eva-Lotte dann auf, dass sie alle Punkte der ausführlichen Packliste für den Sommerurlaub berücksichtigt hatte, bis auf einen: Badesachen. Klar. Ist ja auch komplett konterintuitiv. Mein Fehler.

Wir also runter vom Zug, schnell wie der Dieselwind zum Kaufhaus Stolz in Tinnum, einen stabilen adidas-Bikini im SSV gekauft, danach im benachbarten Rewe Pasta und Chips eingeladen und dann mit 80 km/h-Bleifuss zum Hundestrand in Kampen. Die Brandung war fantastisch, die Abendsonne magisch, der Hund manisch. Henry liebt Wasser fast so sehr wie Lotti. Die war aus den Wellen gar nicht mehr heraus zu kriegen, weswegen meine vornehme Aufgabe vornehmlich blieb, den Vierbeiner warm zu laufen. Ich bin mir sicher, dass meine Performance den Riesling-Absatz der Buhne an diesem Abend deutlich über den Jahresdurchschnitt katapultiert hat.

Unser Nachtquartier haben wir in Braderup gefunden, direkt am Weißen Kliff. Und nein, ich verrat’s nicht. Noch nicht. Wahrscheinlich taucht es bald auf unserer Bulli&Chill-Liste auf.

Die Seeseite der Insel glänzt mit Wellen, Wind, Wanderdünen und Weißwein. Ihre siamesische Schwester des Ostens jedoch ist nicht weniger als der heimliche Star. Das Watt ist magisch, die Ruhe unvergleichlich. Mit Wind und Wellen in Ohren und Haaren, Sand zwischen den Zehen und einem salzigen Lächeln auf den Lippen schlafen wir mit Fridos Fusili all’arrabiata im Magen zu den Rufen der Seevögel und Waldkäuze mehr als zufrieden ein. Die Sonne wird uns am kommenden Morgen wecken und zum besten Sommerfrühstück ever herauslocken. Allein das wissen wir noch nicht, als wir die Vorhänge zu ziehen.

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