Don’t call it Fjord: ein Wochenende an der Schlei 1/3

Geologische Texte zu lesen, ist für mich ebenso anstrengend, wie Bulli zu fahren entspannend. Nichts desto trotz schalte ich kurz den Klugscheißermodus ein, um zu Beginn dieses Triptipps mit einer weit verbreiteten, durch Tourismusverbände und Urlauber kolportierten, Legende aufzuräumen: Die Schlei ist kein Fjord. Zwischen Schleswig und Schleimünde bei Kappeln findet man einen Meeresarm der Ostsee, der während der Weichsel-Eiszeit durch glazifluviale Erosion entstanden ist (glazifluvial – geiles Wort!). Anders als ein Fjord, der eine glaziale Hohlform im Gebirge darstellt, hat sie niedrige Seitenflanken. Das kommt daher, dass in Schleswig-Holstein weit und breit kein Gebirge zu finden ist, das für höhere Ufer sorgen könnte. Auch ist die Schlei keine Förde, wie die Kieler oder die Eckernförde, die durch Gletscherschurf einer Gletscherzungen oder, wie wir Fachleute sagen, einen kalten Schnalzer entstanden sind. Im Südjütischen steht Fjord übrigens für beides, eben einen Fjord und eine Förde. Beides ist die Schlei jedoch nicht. Wer etwas anderes behauptet, möchte euch einen geomorphologischen Narren aufbinden.

Nachdem wir das geklärt haben, noch ein paar wissenswerte Details, die ich ebenfalls nicht aus Wikipedia abschreibe: Die Schlei ist 42 Kilometer lang, hat eine durchschnittliche Breite von 1,3 Kilometern und ist im Schnitt drei Meter tief. Der Hauptarm wird flankiert von einigen Buchten, die zum Teil nur über schmale Zugänge mit ihm verbunden sind. Diese Buchten werden Noore genannt. Da die Schlei selbst auch eine sehr lang gestreckte Bucht ist, die in Schleimünde über eine nicht sonderliche breite Fahrrinne mit der Ostsee verbunden ist, ist sie im Prinzip ein stehendes Gewässer, in dem wenig Wasseraustausch stattfindet. Das Wasser ist somit leicht salzig und brackig. Ich habe es gekostet.

Vom Süden Hamburgs nach Kappeln, dem idealen Startpunkt für alle Schlei-Abenteuer, sind es ungefähr 150 Kilometer, wenn man, wie wir, auf die Benutzung von Autobahnen verzichtet, um die Anreise in vier Stunden optimal auszukosten. Um so richtig langsam voran zu kommen, haben wir auch nicht den direkten Bundesstraßen-Weg genommen. Wir haben uns ganz entspannt über Ahrensburg, Segeberg, Plön vorgearbeitet, haben dann Kiel rechts liegen lassen, um in einer sanften Westkurve den Schliereensee und den Westensee an deren Westufern zu passieren und in Landwehr mit der Fähre den Nord-Ostsee-Kanal zu passieren. Das alles auf Landstraßen (also bis auf die Fähre). Die Fährüberfahrt in Landwehr können wir übrigens nur wärmstens empfehlen. Auf einer fahrenden Straße über den Kanal zu schippern, wenn rechts und links riesige Containerschiffe auf dem schmalen Gewässer nahen, ist eine eindrucksvolle Erfahrung.

In Gettorf sind wir dann kurz auf die B76 aufgefahren um Eckernförde zu passieren. Je weniger Deutschland im Norden übrig ist, desto rarer werden die Straßen. So empfiehlt es sich, am Windebyer Noor für den Rest des Weges ebenfalls eine Bundesstraße, nämlich die B203, vorbei an Damp, Karby und Brodersby nach Kappeln zu nehmen. Hier oben haben die Städte schon dänische Namen und auch die Landschaft gemahnt dank der lichter werdenden Bebauung an Jütland oder Südschweden. Das ist streng genommen nicht weiter verwunderlich, da Nordschleswig ja früher zu Dänemark gehörte. Der Faszination, im eigenen Land in einem anderen Land zu sein, kann ich mich jedoch nicht erwehren. Auch die Leute hier sind wahnsinnig nett. Dänisch eben. Zumindest die meisten.

Kappeln ist eine kleine Stadt, deren Zentrum nördlich der Schlei liegt. Die B203 ist der einzige Weg von südlich des Nicht-Fjords in die Stadt. Eine wunderschöne weiße Doppelklappbrücke überspannt das Wasser. Die Brücke lädt Autofahrer bei gutem Segelwetter vielfach täglich bei Ein- und Ausfahrt zur Kontemplation an roten Ampeln ein. Tatsächlich wünsche ich euch – und die Chance ist groß – dass ihr, bevor ihr in die Stadt fahrt auf der B203 halten müsst, da die Brücke für Segler geöffnet wird. Von der Fahrbahn könnt ihr euch, so ihr einigermaßen weit vorn zum Stehen kommt, einen guten Überblick verschaffen. Zur Rechten seht ihr den Yachthafen und die Promenade, die mit ihren vielen Restaurants und Pubs von Weitem sehr malerisch aussieht, von Nahem betrachtet für unseren Geschmack in ihrer Dublin-meets-Nyhavn-Ästhetik jedoch ein wenig zu Halli-Galli-Bootstouri daher kommt. Zur Linken fällt euer Blick bestimmt schnell auf die eindrucksvolle Windjammersammlung des historischen Hafens. Ein Bummel über die Stege, um die hölzernen Schmuckstücke zu inspizieren, lohnt sich auf jeden Fall. Was ihr nicht seht, ist, dass die Stadt wider Erwarten recht hügelig ist. Das merkt man erst, wenn man auf einem Leihfahrrad mit ausgeschlagener Felge und wenig Atü auf den porösen Pneus unterwegs ist. Aber dazu später mehr.

Nach Überqueren der Brücke haben wir beschlossen, zuerst noch ein Stück weiter nach Norden zu fahren. Wir hatten uns den Campingplatz Gut Oehe ausgeguckt, um ausnahmsweise einmal legal zu stehen, Wasser und Strom zu tanken, um dann ausgeruht am nächsten Tag auf Entdeckungsreise zu gehen. Kurz gefasst: Das war ein Fehler. Nach Kontakt mit dem unfreundlichen neuen Platzwart-Pärchen und kurzer Platzschau haben wir beschlossen, schnell das Weite zu suchen. Der staubige Acker ist schief und krumm, die Stellplätze eng, es gibt so gut wie keine Hecken oder sonstigen, grüne Parzelleneinfriedungen. Die angepriesenen, neuen Sanitäranlagen entpuppten sich als Baustellencontainer, eine marode dänische Hüpfburg dient verlorenen Kindern als Hospitalismus-Fluchpunkt. Leaving Gut Oehe. Der Parkplatz vor der Schranke hat mehr Charme als das dahinter liegende Umerziehungslager bürgerlicher Tristesse.

Ja, wir stehen nicht auf Campingplätze. Aber das…das war schockierend. Ich überlege einen Hilfsfond zu gründen, der so wie andere Straßenhunde aus Rumänien, Camper aus Gut Oehe an liebevolle Pflegefamilien vermittelt.

Dem Trauma knapp entkommen, fahren wir zurück nach Kappeln und überqueren abermals die Schlei. Dieses Mal in Richtung Süden. Unser Ziel: Der Weidefelder Strand südlich von Olpitz, circa 20 Bulli-Minuten von Gut Oehe/ Hasselberg entfernt. Bislang hat Übernachtungsspots durch Google-Maps-Satellitenbildrecherche-Finden noch immer geklappt. Wer braucht schon Campingplätze. Am Weidefelder Kite- und Surfstrand gibt es neben dem Fischrestaurant Lobster einen großen geteerten Parkplatz, der von 8-18 Uhr bewirtschaftet wird. Ich möchte nicht zu einer Ordnungswidrigkeit aufrufen, aber wir hatten nach äußerst stabilen Jalapeno-Rindswürsten vom Grill eine geruhsame, beinahe einsame Nacht unter Kiefern direkt an den Dünen.

Unsere Ruhe wurde nur gestört von ein paar Spätanreisern aus Brandenburg, denen es gefiel, gegen zwei Uhr früh aus mir völlig unerfindlichen Gründen lauthals besoffen „Anita“ zu skandieren. Warum gerade „Anita“? Die Frage hielt uns zum Glück nicht lange genug wach, um uns nennenswert viel Schlaf und den frühen Start in den folgenden ersten Tag unseres Schlei-Abenteuers zu rauben.

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